Hauptstraße 1, 67693 Fischbach, Tel.:06305-5137
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Rede in der prot. Kirche Katzweiler

Herr Pfr. Zech hat mich gebeten im Rahmen des Gottesdienstes am 01. November 2020

zum Thema Heimat einige Worte zu meinen ausgestellten Bildern zu sagen.

 

Leider konnten aufgrund der aktuellen Corona-Situation nicht alle Zuhörer kommen, die gerne gekommen wären, deshalb hier die Rede zum nachlesen:

 

 

Teil 1: Heimat

                                                                              Katzweiler, den 1.November 2020

 

Guten Morgen, mein Name ist Ulrike Freitag.

 

Heimat.

 

Erst einmal ein allgemeiner Versuch, den Begriff Heimat zu definieren.

Hier zwei Zitate aus Wikipedia:

 

„Heimat: Gesamtheit der Lebensumstände, in denen ein Mensch aufwächst

aber auch:

 

„Der Heimatbegriff befindet sich in ständiger Diskussion.“

 

Das bedeutet auch, dass es eine einheitliche Definition des Begriffes Heimat nicht gibt.

 

„Heimat“ ist nichts, was in der physischen Welt tatsächlich existiert.

 

Denn Heimat ist nicht etwas, das man greifen kann, was man schmecken oder riechen kann. Natürlich kann ich sagen: „ wenn ich ein Weinschorle trinke, erinnert mich das an meine Heimat“ oder „Wenn ich das Herbstlaub rieche, riecht das nach Heimat“. Doch Heimat ist immer noch ein abstrakter Begriff, eine kollektive Definition.

Aber dieser Begriff hat die Macht, Menschen einer mehr oder weniger großen Gruppe zusammenzuschließen. Solche gemeinsamen Vorstellungen und Überzeugungen bilden bis heute die Basis, um Millionen von Menschen in mehr oder weniger großen Gruppen bis zu Nationen zu vereinen.

Der Begriff ist also nicht nur eine lokale Ortsangabe mit festen Grenzen.

So ist meine Heimat Fischbach, Kreis Kaiserslautern, meine Heimat ist aber auch die Pfalz, Rheinland-Pfalz, Deutschland, Europa, die Erde. Ein Astronaut vom Mars kehrt genauso zu seinem Heimatplanet zurück, wie ich aus dem Urlaub im Allgäu in meine Heimatregion.

 

Ich kann auch  eine neue Heimat in einer anderen Stadt finden (besser gesagt: mir aufbauen). Oder auch in einem anderen Land. Freiwillig oder unfreiwillig. Meine erste Heimat wird mir geschenkt, eine zweite muss ich mir erarbeiten. Teilweise sehr hart. Ich muss vielleicht eine neue Sprache lernen, neue Regeln, neue Weltanschauungen.

Mir fehlt die gemeinsame Geschichte, gemeinsame Traditionen, gemeinsamer Dialekt.

 

Heimat ist also nicht notwendiger Weise dort, wo man geboren wurde und aufgewachsen ist. Wie schon der Lateiner sagt: „ Ubi bene, ibi paria“ (Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland/ meine Heimat) oder wie es der Philosoph Bernhard Waldenfels sagte: „Heimat wird nicht von Meldeämtern verwaltet“

 

Es muss noch nicht einmal ein Ort sein, es kann auch eine soziale Gemeinschaft, zum Bespiel die Familie, sein.

Und so bedeutet „Heimat“ für verschiedene Menschen etwas ganz Verschiedenes.

 

Entscheidend ist hierbei natürlich auch, ob man sich freiwillig eine neue Heimat sucht, oder ob man flüchten musste.

Vor allem Kinder haben keine Entscheidungskompetenz in dieser Sache. Kein Kind wird gefragt, ob es in einem Kriegsgebiet leben will, ob es flüchten will, ob es seine Heimat aufgeben will. Und doch würden sie sich meistens dafür entscheiden, bei der Familie zu bleiben, wenn sie die Wahl hätten. Denn die Familie ist der wichtigste Teil ihre Heimat.

Natürlich wird das eigene Haus vermisst, der Garten, die Straße in der man aufgewachsen ist, aber wichtiger, gerade für Kinder, sind die sozialen Verknüpfungen, die ihnen Halt und Wurzeln geben. Aber auch diese werden vom Krieg zerstört.

 

So ist ein Kind, das seine lokale Heimat und seine soziale Heimat verloren hat, haltlos in dieser Welt und besonders schutzbedürftig.

 

Und über das Schicksal von Kindern auf der Flucht komme ich später noch im zweiten Teil zu meinen hier ausgestellten Bildern.

 

 

Teil 2: Triptychon/Kabuler Pietá

                                                                              Katzweiler, den 1.November 2020

 

Zunächst möchte ich mich herzlich bei Herrn Pfarrer Zech bedanken, für die Möglichkeit, heute hier meine Werke und meine Intention zu diesen vorzustellen.

 

Im Vorraum befindet sich ein Tripychon, dass heißt ein Werk aus drei zusammengehörigen Bildern, die durch Scharniere zum Ausklappen verbunden sind.

Als zweites Bild zu diesem Thema, ist hier mein Bild mit dem Titel „Kabuler Pietá“ zu sehen.

Im Rahmen der Interkulturellen Ausstellung zum Thema „Heimat“ habe ich nun die Möglichkeit, diese Werke in dem Kontext auszustellen, in dem sie gedacht waren.

 

Das Thema ist „Vertreibung – Flucht – Gewalt“ und hängt sehr stark zusammen mit dem Verlust der Heimat.

Gerade für Kinder, sind die sozialen Verknüpfungen, die ihnen Halt und Wurzeln geben, das Wichtigste. Aber auch diese werden vom Krieg zerstört. So ist ein Kind, das seine lokale Heimat und seine soziale Heimat verloren hat, haltlos in dieser Welt und besonders schutzbedürftig

 

Und über das Thema „Verlust der Heimat“ und die Leiden der Kinder auf der Flucht vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat, komme ich zu meinen Bildern:

 

Zunächst einmal das Bild „Kabuler Pietá“:

 

Dieses Bild entstand 2019-2020 (Acryl auf Leinwand, 60x60cm) nach einem Photo der amerikanischen Journalistin Paula Bronstein. Sie gab mir die freundliche Erlaubnis, das Photo als Vorlage zu verwenden. Das Photo zeigt eine afghanische Frau im Krankenhaus von Kabul mit ihrem verletzten Neffen auf dem Schoß.

Mich hat dieses Photo sehr stark berührt und an ein klassisches Pietà-Motiv erinnert. Es bedeutet für mich die universelle Trauer einer Mutter, deren Kind tot ist.

Als ich das Bild malte, wollte ich allerdings offen lassen, ob das Kind tot ist, oder nur verletzt. So birgt das Bild auch einen Hoffnungsschimmer. Vielleicht wird ja alles wieder gut und das Kind wieder gesund - es überlebt den Krieg trotz Verletzung.

Oben links ist noch Trauer und Verzweiflung in der Mimik der Mutter, aber unten der Finger zeigt ein klares Zeichen des Widerstands, des „Nicht-Unterkriegen-Lassens“.  Der Wille, trotz Krieg, Gewalt und Verzweiflung an die Genesung zu glauben und dafür zu kämpfen.

Auf dem Original-Photo war der Mittelfinger übrigens wirklich so gestreckt, wenn auch wohl nur zufällig und weniger auffällig.

Nun zu dem Triptychon:

 

  • 1. Das letzte Einhorn von Aleppo

 

Das Bild ist 70x100 cm groß, ebenfalls mit Acryl-Farben auf Leinwand gemalt.

 Ich habe es 2016 gemalt, im Einfluss der Bilder in den Medien über geflüchtete Kinder. Insbesondere das Bild des kleinen Alan Kurdi, der tot am Strand lag, all seiner Wünsche, Träume und Zukunft beraubt durch Kriegstreiber und Kriminelle, hat mich stark berührt.

So thematisiert dieses Bild die verlorene Kindheit in den Kriegsgebieten weltweit. Bewusst habe ich das Kind -und die Kinder auf den weiteren Bildern- nicht im südländischen Typus gemalt, denn es kann Kinder jeder Hautfarbe, Nationalität und Religion treffen.

Überall auf der Welt leiden gerade die Schwächsten der Gesellschaft unter Vertreibung, Gewalt und Tod.

Das Einhorn mit dem abgebrochenen Horn symbolisiert die zerstörten Träume der Kinder. Es hat mit dem Horn gleichsam seinen Zauber verloren. Das Kind, verletzt oder tot, ebenfalls mit einer Wunde auf der Stirn, schaut den Betrachter anklagend an. Im Hintergrund wütet der Krieg zwischen den Trümmern der Häuser. So ist auch das Zuhause, die Heimat, des Kindes zerstört und verloren.

 

  • 2. Kreuzfahrt ins gelobte Land

 

Das mittlere Bild, 100x140cm groß, thematisiert die eigentliche Flucht und wurde 2018 gemalt.

Durch Photos von Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer und Bergen Schwimmwesten am Strand entstand das Bild in meinem Kopf.

Auf einem der Photos entdeckte ich zwischen der Gruppe von Flüchtlingen eine Dreiergruppe: ein Kind, eine Frau und ein Mann, die an Land stolperten.

Ich weiß nicht, ob es sich um eine Familie handelte, aber mir kam gleich das Bild von Mutter-Vater-Kind in den Kopf.

Das Kind, mit der weißen Weste der Unschuld und anklagende Augen, nimmt als Einziger wieder Blickkontakt zu dem Betrachter auf. Die Mutter und der Vater wollen helfen, aber der Griff des Vaters ist nur an einem Stück Stoff gehalten und die Mutter greift ins Leere. Schleuser, Schlepper mit ihren roten Blutwesten und prall gefüllten Geldsäcken machen sich links davon.

Im Hintergrund der blutrote Himmel des Kriegsgebietes, vorne der vermeintliche Goldstrand, aber auch er ist fast so gefärbt wie der Hintergrund. Der Horizont schafft eine Verbindung zwischen den Ruinen im ersten Bild und den schwelenden Balken im dritten Bild.

  • 3. Schlaraffenland ist abgebrannt

 

Das dritte Bild (rechts, von 2017, wieder 70x100cm, Acryl auf Leinwand) entstand unter dem Eindruck der brennenden Flüchtlingsunterkünfte hier in Deutschland.

Vermeintlich in Sicherheit, mussten die Kinder schon wieder ein traumatisches Geschehen überstehen. Statt Geborgenheit und Willkommen, Angst und Gewalt.

Die Vorlage für dieses Bild stammt von einem alten Familienphoto und zeigt meinen Mann als kleinen Buben im Urlaub auf dem Bauernhof. Allerdings war der Gesichtsausdruck ein ganz anderer, als der des Mädchens auf dem gemalten Bild. Dieses Mädchen ist traumatisiert. Es schaut nicht mehr anklagend – es schaut verloren und resigniert.

Die Katze symbolisiert für mich Gemütlichkeit, Heimelichkeit, aber auch gleichzeitig Freiheit, denn im Gegensatz zu Hunden sind sie die Freigänger und Freigeister unter den Haustieren. Die weiße Farbe symbolisiert wieder die Unschuld, wie auch beim Einhorn und bei der Rettungsweste im mittleren Bild.

Allerdings sieht man beim genaueren Hinsehen auch die verbrannte Pfote der Katze und die verbrannte Hand des Kindes – sie sind nicht unbeschadet aus dem Feuer entkommen!

 

 

 

Die drei Bilder bilden wie gesagt, eine Einheit, ein Triptychon gerahmt mit einem dreiteiligen Rahmen (den mein Mann gebaut hat) der mit Scharnieren verbunden, bewusst sehr in der Tradition der Altarbilder gehalten wird. Es ist eine Art Bildergeschichte. Dies soll zum Ausdruck bringen, wie sehr sich die  Geschichte auch wiederholt - zeitlos und grenzenlos ist. Die Geschichte von:

 

Vertreibung – Flucht – Gewalt

 

 

 

Nach dem Gottesdienst stehe ich Ihnen gerne für weitere Fragen zur Verfügung und freue mich über Kritik und Anregungen.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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